• Foto Dreikönigskirche

Die Holzskulptur „Erzengel Michael“

von Reinhard Pontius

Wenn es einen Engel gibt, der etwas mit Freiheit zu tun hat, dann ist das Michael.

Michael ist uns als ein sehr hochstehender Engel und als Bezwinger der dunklen Mächte bekannt. Ein kämpferisches Bild ist von ihm entstanden. Wenn man dieses Bezwingen nicht als körperlichen Kampf, sondern als geistigen Vorgang versteht, verliert es das Gewaltsame. So wie das Dunkel in einem Raum zurückweichen muss, sobald ich in diesem eine Kerze entzünde, muss auch das Dunkel in meiner Seele - z.B. die Angst - zurückweichen, sobald ich helle und hoffnungsvolle Gedanken und Gefühle zulasse.

Michael wird in bildlichen Darstellungen mit einem Schwert oder Speer und mit einer Waage gezeigt. Das sind für mich Metaphern, für die ich eine Übersetzung finden muss: Den Speer Michaels verstehe ich als Lichtstrahl, als ein Bild für die Kraft des Bewusst-seins. Er lenkt es auf das Dunkle und beleuchtet es. Dadurch wird das Dunkle nicht getötet, aber es verliert seine Macht. Wenn ich den Mut aufbringe, mir die dunklen, oft auch unbewussten Seiten in mir anzuschauen, verlieren sie ihre Macht über mich. Ja, es ist sogar so: Die Angst, die Gier, der Neid, die ich überwinden kann, helfen mir fester im Leben zu stehen. Dies hat für die Seele etwas enorm Befreiendes.

Am Anfang der Bibel tritt Michael mit dem Schwert auf, um Adam und Eva aus dem Paradies zu vertreiben. Was, wenn er sie nicht vertreibt, also bestraft, sondern ihnen den Weg weist? Der sogenannte Sündenfall lässt sich für mich auch anders lesen: als Weg der Seele in die Verkörperung. Damit meine ich den Gang des Menschen aus der lichten und paradiesischen in die stoffliche Existenz. In diesem Bild steht Michael an der Schwelle als Helfer und erleuchtet mit seinem Schwert den Weg ins Dunkel, die Materie.

Am Ende der Bibel wird Michael am „Jüngsten Tag“ mit der Waage gezeigt, wie er die Seelen abwägt. Wenn ich dieses Bild als etwas lese, was mit jeder Seele nach dem Tod geschieht, fällt jegliche moralische Deutung von der Trennung der Seelen in Gut und Böse in sich zusammen. Dann kann ich Michaels Tun als einen höheren Akt der Befreiung verstehen: Alles, was unerlöst und irdischer Natur ist, wird von der Seele abgetrennt und bleibt zurück, damit die unsterblichen Anteile der Seele so gereinigt wieder zurück ins lichte Dasein finden.

Reinhard Pontius

Dresden, März 2018

Reinhard Pontius - Skulptur "Erzengel Michael"
Foto: M. Ahner